Mein Glück ist meine Entscheidung: Gänseblümchen und Granit
Schau dir mal das Foto an, das ich da im Garten geschossen habe. Ein Buch, das friedlich im Gras liegt, umgeben von ein paar Gänseblümchen. Auf dem Cover eine junge, hübsche Frau, die lächelt, in einer coolen Lederjacke, mitten auf einer leeren Landstraße. Wenn man nur flüchtig hinschaut, könnte man denken, es sei ein Lifestyle-Magazin für Outdoor-Fans. Doch wenn man den Blick ein Stück tiefer wandern lässt, sieht man das Metall. Man sieht die Prothesen.
Ich sage es dir ganz direkt: Ich kannte Angie Berbuer vorher nicht. Ich bin nicht der Typ, der den ganzen Tag auf Social Media nach neuen Vorbildern sucht. Aber dieses Buch hat mir wieder einmal gezeigt, warum ich so wahnsinnig gerne Biografien lese. Es ist die Faszination für das Unbekannte. Man lernt aus dem Leben fremder Menschen oft viel mehr als aus den weichgespülten Worten irgendwelcher „High-Performance-Coaches“, die ihr größtes Problem darin sehen, dass der Espresso heute nur lauwarm war.
Angie ist eine verdammt sympathische Autorin. Das trieft aus jeder Zeile dieses Buches. Sie schreibt nicht wie jemand, der bemitleidet werden will. Ganz im Gegenteil. Sie schreibt wie jemand, der dir beim Lesen in den Hintern treten will, damit du aufhörst, dich über Belanglosigkeiten aufzuregen. Ihr Weg ist eine Lektion in Sachen Demut und Kampfgeist.
Der Wert der Fremden: Warum wir Schicksalsschläge lesen müssen
Vielleicht fragst du dich, warum du deine Zeit mit dem Leben einer Frau verbringen solltest, die du nicht kennst. Die Antwort ist simpel: Weil Schicksalsschläge der ultimative Filter für Charakter sind. Wenn alles glattläuft, kann jeder den Motivations-Helden spielen. Aber was passiert, wenn dir innerhalb von Sekunden der Boden, und buchstäblich die Beine, unter dem Hintern weggezogen werden?
In meiner Rezension zu „Du schaffst das nicht“ von Jasmin Sibel (Gnu) haben wir über den Kampf gegen die eigenen Dämonen und den Kontrollverlust gesprochen. Bei Angie Berbuer ist dieser Kontrollverlust physisch und brutal. Ein schwerer Autounfall auf der Autobahn im Jahr 2019. Zwei Autos, viel Blechschaden und eine junge Frau, die plötzlich ohne Beine da liegt.
Man lernt aus den Schicksalsschlägen anderer, wie dünn das Eis eigentlich ist, auf dem wir alle täglich spazieren gehen. Es erdet dich. Es nimmt diesen arroganten Glauben weg, dass uns nichts passieren kann. Angie beschreibt diesen Moment des Unfalls und die Zeit danach so authentisch, dass man beim Lesen fast den Geruch von Krankenhaus in der Nase hat.
Die Tiefen: Wenn die Welt in Trümmern liegt
Sie beleuchtet die Höhen und Tiefen ihres Werdegangs mit einer Klarheit, die beeindruckend ist. Die Tiefe war der absolute Nullpunkt. Stell dir vor, du bist jung, aktiv, hast Pläne – und plötzlich ist alles anders. Die Realisierung im Krankenhaus, die unzähligen Operationen, die Schmerzen. Und vor allem: die Abhängigkeit von anderen.
Für jemanden, der Souveränität schätzt, muss das die schlimmste Form der Hölle sein. Aber genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Angie hätte jedes Recht der Welt gehabt, sich in Bitterkeit zu vergraben. Sie hätte den Rest ihres Lebens damit verbringen können, dem Schicksal die Schuld zu geben. Dass sie das nicht getan hat, macht sie zu dieser sympathischen Kämpferin, die wir im Buch kennenlernen.
Sie beschreibt den Werdegang nicht als heroischen Aufstieg ohne Rückschläge. Sie lässt uns an der Frustration teilhaben, wenn die Prothesen nicht passen, wenn die Haut wund ist oder wenn die Leute sie anstarren, als wäre sie ein Alien. Diese Ehrlichkeit ist es, die das Buch so wertvoll macht. Es ist kein permanentes Gutgerede, sondern eine Dokumentation der harten Arbeit, die nötig ist, um wieder „oben“ zu sein.
Vom Pleitegeier zum Adler: Die Transformation aus den Trümmern
Wenn ich Angies Geschichte lese, muss ich zwangsläufig an den Prozess denken, den ich in meinem eigenen Buch „Vom Pleitegeier zum Adler“ beschreibe. Es geht dort um die Transformation von jemandem, der am Boden liegt, zu jemandem, der sich wieder in die Lüfte schwingt. Angie Berbuer ist der lebende Beweis für diesen „Adler-Spirit“.
Der Schicksalsschlag war ihr „Pleitegeier-Moment“. Alles war weg: die körperliche Integrität, die gewohnte Freiheit, die Unbeschwertheit. Aber sie hat sich geweigert, am Boden zu bleiben. Sie hat gelernt, ihre neuen Umstände nicht als Ende, sondern als einen verdammt schwierigen neuen Anfang zu sehen.
Wer lernt, dass das Glück wirklich eine Entscheidung ist – und zwar eine, die man jeden verdammten Morgen neu treffen muss –, der hat das System verstanden. Es geht nicht darum, was dir passiert, sondern wie du darauf reagierst. Angie hat sich entschieden, die Lederjacke anzuziehen, die Prothesen anzuschnallen und der Welt ihr Lächeln zu zeigen. Das ist kein billiger Kalenderspruch, das ist gelebte Realität auf Titanbeinen.
Die Höhen: Das Lächeln als Waffe
Die Höhen in ihrem Leben heute sind beeindruckend. Sie ist eine Stimme für Menschen mit Behinderungen geworden, sie zeigt auf Social Media, wie ein erfülltes Leben trotz – oder gerade wegen – solcher Einschnitte aussehen kann. Aber der größte Erfolg ist nicht die Reichweite oder die Klicks. Der größte Erfolg ist ihr Mindset.
Sie ist sympathisch, weil sie ihren Erfolg nicht als Arroganz vor sich herträgt. Sie weiß, wo sie herkommt. Sie weiß, wie es sich anfühlt, wenn man nicht weiß, wie es weitergeht. Diese Erdung ist das, was viele moderne „Macher“ heute völlig verloren haben. Sie denken, Erfolg sei ihr Geburtsrecht. Angie weiß, dass jeder Schritt ein Geschenk ist, für das man arbeiten muss.
Man lernt aus ihrem Leben, dass man Schicksalsschläge nutzen kann, um eine Tiefe zu erreichen, die man als „glücklicher Durchschnittsbürger“ vielleicht nie erfährt. Sie hat eine Perspektive auf das Leben gewonnen, die so klar und scharf ist, dass sie fast schon wehtut.
Kritik: Die Ironie der Positivität
Lass uns mal kurz ein bisschen ironisch werden. Manchmal ist Angies Positivität so strahlend, dass man sich als Leser fast ein bisschen schlecht fühlt, wenn man sich darüber aufregt, dass der Internetanbieter wieder mal streikt oder der Kaffee nach altem Socken schmeckt.
Aber genau das ist der Punkt. Das Buch ist keine Bibel, die dich heilig spricht, sobald du sie gelesen hast. Es ist ein Spiegel. Und wenn wir uns in diesem Spiegel betrachten, dann sehen wir oft, wie verdammt bequem wir es uns in unserer Opferrolle eingerichtet haben. Wir warten auf das große Glück, während Angie es sich einfach nimmt, obwohl sie viel weniger Startkapital dafür hatte als wir.
Das Buch war wirklich super, aber man darf nicht den Fehler machen, es als „leichtes“ Buch abzutun. Es ist schwere Kost, verpackt in ein sympathisches Lächeln. Es fordert dich auf, Verantwortung zu übernehmen. Und das ist oft anstrengender, als im Rollstuhl zu sitzen (was Angie ja glücklicherweise durch ihre Prothesen oft vermeiden kann).
Warum wir Schicksalsschläge anderer brauchen
Wir brauchen diese Geschichten, um unseren eigenen Kompass neu auszurichten. Wenn du liest, wie jemand lernt, mit Prothesen wieder zu tanzen oder Auto zu fahren, dann relativieren sich deine eigenen „Probleme“ in Lichtgeschwindigkeit. Das ist die Heilkraft von Biografien. Sie reißen uns aus unserem kleinen, egozentrischen Kosmos heraus.
Angie Berbuer hat eine Gabe, diese schweren Themen so lebendig zu beschreiben, dass man sich ihr nah fühlt. Man hat das Gefühl, mit einer guten Freundin im Garten zu sitzen (vielleicht genau dort, wo die Gänseblümchen wachsen) und sie erzählt dir einfach mal ehrlich, wie es war. Ohne Filter, ohne Fake.
Sie beleuchtet die Höhen und Tiefen so geschickt, dass man am Ende nicht deprimiert ist, sondern voller Energie. Es ist eine authentische Interpretation des Überlebenswillens. Wer dieses Buch gelesen hat, kann nicht mehr so einfach sagen: „Ich kann nicht.“
Fazit: Das Glück ist eine verdammte Entscheidung
„Mein Glück ist meine Entscheidung“* ist ein Muss für jeden, der das Gefühl hat, vom Leben gerade ungerecht behandelt zu werden. Es ist eine Biografie, die dich erdet und gleichzeitig beflügelt. Angie Berbuer ist eine tolle Person, deren Werdegang uns alle daran erinnern sollte, worauf es wirklich ankommt.
Miste deine eigenen Ausreden aus. Schau dir das Bild mit den Gänseblümchen an und versteh, dass Schönheit oft direkt neben dem Schmerz wächst. Angie hat ihre Beine verloren, aber sie hat eine Stärke gefunden, die die meisten Menschen mit zwei gesunden Beinen nie erreichen werden.
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