Mehr Zeit zum Leben: Die letzte Währung, die wirklich zählt
Schau dir mal dieses Bild an. Mein Kindle steht auf einer geflochtenen Unterlage, fast so, als wäre er gerade Teil eines entspannten Frühstücks auf dem Campingplatz. Es wirkt friedlich. Aber der Inhalt, den dieser kleine schwarze Kasten da anzeigt, ist im Grunde eine Kriegserklärung an alles, was wir über unseren modernen Alltag zu wissen glauben.
Ich habe das Ding gelesen und muss sagen: Es ist wahnsinnig gut. Es ist absolut zeitlos, weil es ein Problem anspricht, das wir seit der Erfindung der Stechuhr immer nur schlimmer gemacht haben. Wir bilden uns ein, dass wir „Zeit sparen“ könnten, als wäre Zeit ein verdammtes Tagesgeldkonto, auf das man Minuten einzahlt, um sie später mit Zinsen abzuheben. Pustekuchen.
Wer Mehr Zeit zum Leben von Walter Epp* aufschlägt, bekommt keine neue Liste mit Produktivitäts-Hacks serviert, die am Ende doch nur dazu führen, dass man noch mehr Aufgaben in seinen ohnehin schon platzenden Tag quetscht. Der Verfasser ist ein Typ, der offensichtlich verstanden hat, dass wir nicht an einem Mangel an Zeit leiden, sondern an einem massiven Überschuss an Quark. Es ist eine authentische Interpretation unserer Existenz, die ohne jede Beweihräucherung auskommt.
Die Illusion des „Beschäftigt-Seins“
Wir leben in einer Gesellschaft, in der „Ich hab so viel zu tun“ fast schon als Statussymbol gilt. Wenn du jemandem erzählst, dass du gerade eigentlich nichts Wichtiges machst und einfach nur die Zeit genießt, schauen sie dich an, als hättest du gerade zugegeben, dass du deine Kaffeebohnen einzeln mit der Nagelschere schneidest. Wir haben das „Beschäftigt-Sein“ heiliggesprochen.
Aber was tun wir da eigentlich den ganzen Tag? Wir beantworten E-Mails, die eigentlich nur elektronischer Sondermüll sind, und scrollen durch Feeds, die uns mit Informationen füttern, die wir in fünf Minuten schon wieder vergessen haben.
Dieses Buch hier ist der radikale Gegenentwurf. Es geht nicht darum, schneller zu werden. Es geht darum, langsamer zu werden und sich zu fragen: Wofür mache ich den ganzen Zirkus eigentlich? Zeit ist die einzige Währung, die man nicht nachdrucken kann. Wenn die EZB den Euro entwertet, ist das ärgerlich. Wenn du deine Lebenszeit entwertest, ist das eine Katastrophe, für die es defintiv kein Rettungspaket gibt.
Warum wir uns selbst belügen
Die meisten Menschen sagen, sie hätten keine Zeit für ihre Träume. Sie hätten keine Zeit für Sport, für die Familie oder für das Buch, das sie seit zehn Jahren schreiben wollen. Das ist die größte Lüge, die wir uns selbst erzählen. Wir haben alle exakt die gleichen 24 Stunden wie jeder andere Mensch auf diesem Planeten.
Der Unterschied liegt nicht im Zeit-Management, sondern im Prioritäten-Management. Wenn du sagst „Ich habe keine Zeit“, dann meinst du eigentlich „Das ist mir gerade nicht wichtig genug“. Das ist hart aber die Wahrheit. Wir priorisieren oft die Erwartungen anderer über unsere eigenen Bedürfnisse.
Das erinnert mich massiv an das Thema Bring den Müll raus. Dort geht es um das radikale Ausmisten des Lebens. Zeitmangel ist oft nur das Resultat von zu viel mentalem und physischem Müll. Wer sein Leben nicht entrümpelt, wird niemals die Zeit finden, die er angeblich so dringend sucht. Du kannst nicht fliegen, wenn du noch den ganzen Schrott der letzten Jahre an deinen Beinen kleben hast.
Die Falle der finanziellen Fesseln
Hier wird es für viele Leser schmerzhaft. Warum arbeiten wir so viel? Warum opfern wir unsere beste Zeit für Jobs, die uns oft nicht einmal erfüllen? Oft ist die Antwort simpel: Weil wir Rechnungen bezahlen müssen.!
Schulden sind die ultimativen Zeit-Fresser. Wer Schulden hat, verkauft seine zukünftige Zeit im Voraus. Du arbeitest heute für den Fernseher oder das Auto, das du dir vor zwei Jahren gegönnt hast. In meinem Buch Schuldenfrei beschreibe ich genau diesen Prozess, wie man diese Fesseln sprengt. Ohne finanzielle Souveränität bleibt „Mehr Zeit zum Leben“ ein schöner Traum, den man sich auf einem Kindle anschaut, während man eigentlich schon wieder Überstunden machen müsste.
Finanzielle Freiheit ist nicht das Ziel, um im Geld zu schwimmen, sondern um Zeit zu kaufen. Zeit, um „Nein“ sagen zu können. Zeit, um am Montagmorgen im Garten zu sitzen, während der Rest der Welt im Stau steht und sich über die Benzinpreise aufregt. Souveränität beginnt im Kopf, aber sie manifestiert sich auf dem Kontoauszug.
Essentialismus als Überlebensstrategie
Das Buch von Epp schlägt in dieselbe Kerbe wie Greg McKeowns Werk über Essentialismus. Es geht um die konsequente Suche nach dem Weniger. Wir müssen lernen, das Unwesentliche gnadenlos auszusortieren. Wenn du versuchst, alles zu haben und alles zu tun, wirst du am Ende gar nichts wirklich genießen.
Schau dir das Cover mal an: Ein Mensch, der von einem riesigen Bündel Luftballons in die Höhe getragen wird, während unter ihm ein Berg aus Papier und Krempel zurückbleibt. Das ist die perfekte Metapher. Die Luftballons sind deine Träume, deine Werte, die Dinge, die dich wirklich antreiben. Der Müll unten ist der administrative Ballast, die sinnlosen Aufgaben und die Erwartungen der Gesellschaft.
Wenn du nicht aktiv entscheidest, was wichtig ist, werden andere es für dich tun. Und glaub mir, deren Pläne für dein Leben sehen meistens nicht viel Freizeit vor. Sie wollen dich als produktives Rädchen im Getriebe, nicht als freien Geist, der seine eigenen Wege geht. Die Kunst besteht darin, die Schere anzusetzen und die Schnüre zu den Dingen zu kappen, die dich am Boden halten.
Der Mut zur Lücke: Warum wir Angst vor der Leere haben
Eines der größten Hindernisse auf dem Weg zu mehr Zeit ist die Angst vor der Stille. Wir haben verlernt, einfach nur zu sein. Sobald fünf Minuten Leerlauf entstehen, zücken wir die Funke und scrollen. Wir betäuben uns mit Informationen, um bloß nicht mit unseren eigenen Gedanken allein sein zu müssen.
Wahre Freiheit bedeutet aber auch, die Leere auszuhalten. Zeit für sich zu finden, bedeutet auch, Zeit für die Selbstreflexion zu finden. Das ist genau das, was wir bei Shaolin Spirit gelernt haben: Die Meisterschaft über den eigenen Geist ist die Voraussetzung für jede äußere Freiheit. Wer innerlich getrieben ist, dem nützt auch eine 20-Stunden-Woche nichts – er wird sich trotzdem gestresst fühlen.
Wir müssen wieder lernen, Langeweile als Luxus zu betrachten. Langeweile ist der Raum, in dem Kreativität entsteht. Wenn dein Kopf permanent mit To-Do-Listen und digitalen Reizen gefüllt ist, hat keine neue Idee Platz. Du funktionierst dann nur noch wie eine perfekt programmierte Maschine, aber du lebst nicht mehr.
Authentizität statt Gutgerede
Was mir an diesem Buch so extrem gut gefallen hat, ist der Autor selbst. Walter Epp wirkt im Text wie ein echter Mensch, nicht wie eine polierte Werbefigur für ein „Life-Coach-Zertifikat“. Er redet nichts schön. Er sagt dir ganz klar, dass es Arbeit bedeutet, sein Leben zurückzugewinnen. Es erfordert Disziplin, es erfordert das Aushalten von Konflikten und es erfordert die Bereitschaft, bei anderen anzuecken.
Es ist kein permanentes Gutgerede, nach dem Motto „du musst nur positiv denken und die Zeit fließt dir zu“. Nein, es ist eine Anleitung zum strategischen Rückzug aus dem Wahnsinn. Es ist authentisch, weil es die Realität unserer überladenen Welt ernst nimmt, anstatt sie mit esoterischem Geplänkel wegzulächeln.
Dieses Buch ist zeitlos, weil sich an der Grundproblematik nichts ändert, egal ob wir 2021 oder 2029 haben. Wir bauen immer komplexere Systeme, die uns eigentlich Zeit sparen sollen, aber am Ende verbringen wir mehr Zeit damit, die Systeme zu warten, als wir durch sie gewinnen. Wir brauchen keine neuen Gadgets, wir brauchen ein neues Betriebssystem im Kopf.
Praktische Souveränität: Wie fängst du an?
Wenn du jetzt da sitzt und dich fragst, wie du diesen Berg an Verpflichtungen händeln sollst, dann ist der Rat simpel: Fang klein an. Such dir eine Sache in deinem Leben, die dich nur Zeit kostet, aber keinen echten Wert liefert, und streich sie. Radikal.
Vielleicht ist es das tägliche News-Bingen. Vielleicht ist es ein Hobby, das du nur noch aus Gewohnheit betreibst. Oder vielleicht ist es der Versuch, bei jedem Projekt auf der Arbeit der Erste zu sein, der „Hier!“ gröhlt. Souveränität bedeutet, das „Nein“ zu entdecken.
Ein strukturierter Tag mit klaren Grenzen ist kein Gefängnis, sondern der Schutzraum für deine Freiheit. Wer seine Zeit nicht selbst plant, wird verplant. Das ist eine mathematische Gewissheit. In meinem eigenen Berufsalltag habe ich für mich einen Weg gefunden, der genau diese Souveränität widerspiegelt, indem ich klare Kante zeige und meine Zeit als das kostbarste Gut verteidige, das ich besitze.
Warum dieses Buch ein Weckruf ohne Schlummertaste ist
Manche Bücher liest man, findet sie nett und stellt sie ins Regal. Dieses Buch hier ist anders. Wenn du es wirklich an dich heranlässt, wirst du danach Schwierigkeiten haben, wieder so weiterzumachen wie bisher. Du wirst dich bei jeder sinnlosen Aufgabe fragen: Ist das wirklich meine Zeit wert?
Es ist ein Weckruf für alle, die das Gefühl haben, dass das Leben an ihnen vorbeizieht, während sie noch dabei sind, ihren Posteingang zu sortieren. Walter Epp nimmt dich an die Hand, aber er trägt dich nicht. Er zeigt dir nur, wo der Ausgang ist. Laufen müssen wir alle selbst.
Ich kann es jedem empfehlen, der endlich aufhören will zu „funktionieren“ und anfangen will zu leben. Es ist keine Beweihräucherung der Faulheit, sondern eine Hymne auf die bewusste Existenz. Zeit ist Leben. Wer über seine Zeit verfügt, verfügt über sein Leben. So einfach und so verdammt schwer ist das.
Fazit: Die Rückkehr zum Wesentlichen
Mehr Zeit zum Leben* ist mehr als ein Ratgeber. In einer Welt, die immer lauter, schneller und fordernder wird, ist dieses Werk quasi ein Anker der Vernunft. Es erinnert uns daran, dass wir keine Einheiten von stupidem Humankapital sind, sondern Menschen mit Träumen, Bedürfnissen und einer sehr begrenzten Anzahl an Tagen auf dieser Erde.
Ich bleibe dabei: cooler Typ, der Autor. Authentisch, direkt und ohne Schnörkel. Genau mein Ding. Wenn du bereit bist, deine eigenen Ketten aus Terminen und Erwartungen zu sprengen, dann ist das hier auch dein Ding.
In diesem Sinne: Weniger tun, mehr bewirken. Und vor allem: Die Zeit genießen, solange wir sie noch haben.
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