Der geheime Weg zu Freiheit und Erfolg: Eine Begegnung mit dem Teufel oder nur viel heiße Luft?
Da liegt es also auf meinem Kindle.
Mitten in der Natur.
Auf einem kalten Stein.
Das Buch von Napoleon Hill: Der geheime Weg zu Freiheit und Erfolg*
Es passt irgendwie.
Das Buch hat eine Geschichte, die fast spannender ist als der Inhalt selbst.
Über 70 Jahre lang lag das Manuskript in einer Schublade.
Die Familie hatte Angst vor der Veröffentlichung.
Sie dachten, es sei zu provokant.
Zu gefährlich für die damalige Zeit.
Vielleicht hatten sie aber auch nur Angst, dass der Ruf des großen Erfolgscoaches Schaden nimmt.
Ich habe es gelesen.
Und ganz ehrlich?
Mein Urteil ist ein klassisches „Ging so“.
Es ist kein Totalausfall.
Aber es ist auch nicht der heilige Gral, als der es oft verkauft wird.
Es ist eine seltsame Mischung aus brillanten psychologischen Erkenntnissen und verstaubtem Moralaposteltum.
Schauen wir uns das Ganze mal ohne die rosarote Brille an.
Das Verhör: Ein bizarres Zwiegespräch
Die Form des Buches ist ungewöhnlich.
Es ist ein Interview.
Ein Verhör, um genau zu sein.
Der Protagonist interviewt den Teufel.
Ja, du hast richtig gehört.
Aber keine Sorge.
Hier kommt kein Typ mit Ziegenfuß und Dreizack um die Ecke.
Das wäre wenigstens unterhaltsam gewesen.
Der „Teufel“ ist hier eine Metapher.
Er ist quasi die Summe aller negativen Energien.
Die personifizierte Angst.
Das Zögern in deinem Kopf.
Er ist der Teil von dir, der dich klein hält.
Das ist ein interessanter Ansatz.
Es zwingt dich dazu, deine eigenen inneren Dämonen als externen Feind zu betrachten.
Man kann ihn so besser packen.
Aber nach 50 Seiten wird dieses Frage-Antwort-Spiel verdammt anstrengend.
Es wirkt künstlich.
Konstruiert.
Fast schon ein bisschen kindisch.
Das Konzept des „Dahintreibens“
Der wichtigste Begriff in diesem Werk ist das „Dahintreiben“.
Der Teufel behauptet, er besitze 98 Prozent der Menschen.
Warum?
Weil sie dahintreiben.
Sie haben keine eigenen Ziele.
Sie denken nicht selbst.
Sie lassen sich von den Umständen formen wie Knete.
Sie sind wie Blätter im Wind.
Pustekuchen.
Dieses Konzept ist der stärkste Teil des Buches.
Es ist eine brutale Analyse der Massenpsychologie.
Wir lassen uns von den Nachrichten, der Werbung und dem sozialen Umfeld steuern.
Wir funktionieren einfach nur.
Das ist eine Erkenntnis, die auch heute noch so aktuell ist wie eh und je.
Vielleicht sogar aktueller.
In einer Welt voller Algorithmen und Filterblasen ist das Dahintreiben zum Volkssport geworden.
Wer nicht aktiv steuert, wird gesteuert.
Das erinnert mich an die Warnungen aus Machtbeben.
Dort geht es um die äußeren tektonischen Verschiebungen der Weltwirtschaft.
Hier geht es um das Beben in deinem eigenen Kopf.
Wer im Außen keine Stabilität hat und im Innen nur dahintreibt, wird einfach zerquetscht.
Das ist die ungeschminkte Wahrheit.
Die sieben Prinzipien zur Freiheit
Um dem Teufel zu entkommen, werden sieben Prinzipien präsentiert.
- Bestimmtheit des Zwecks.
- Selbstdisziplin.
- Lernen aus Misserfolgen.
- Kontrolle über die Umgebung.
- Zeit.
- Harmonie.
- Vorsicht.
Klingt erst mal solide. Fast schon wie ein Standardrepertoire für Erfolg.
Aber hier beginnt meine Kritik:
Es wird sehr moralisch.
Fast schon predigend.
Es wird so getan, als gäbe es nur den einen richtigen Weg.
Wer raucht, trinkt oder Sex nur zum Vergnügen hat, ist laut dem Buch dem Teufel verfallen.
Ganz ehrlich?
Das ist puritanischer Quatsch aus den 1930er Jahren.
Hier merkt man dem Text sein Alter massiv an.
Es wird eine Weltanschauung propagiert, die heute einfach nur noch engstirnig wirkt.
Erfolg wird hier mit einer fast schon klösterlichen Lebensführung verknüpft.
Das ist mir zu einseitig.
Zu schwarz-weiß.
Man kann auch ein glückliches, erfolgreiches Leben führen, ohne sich wie ein Asket zu verhalten.
Hier verliert mich das Buch regelmäßig.
Ich will eine Interpretation der Realität, keine Moralpredigt von gestern.
Die Macht der Gewohnheit
Ein weiterer zentraler Punkt ist das Gesetz der „hypnotischen Rhythmik“.
Ein sperriger Begriff.
Aber die Idee dahinter ist wertvoll.
Gewohnheiten verfestigen sich.
Sie werden zu einem Rhythmus, aus dem man kaum noch ausbrechen kann.
Wer jahrelang negativ denkt, wird automatisch negativ handeln.
Das Gehirn gräbt sich tiefe Furchen.
Irgendwann läuft alles auf Autopilot.
Der Teufel nutzt diesen Rhythmus, um dich dauerhaft in seiner Gewalt zu halten.
Das ist neurobiologisch sogar ziemlich nah an der Wahrheit.
Unsere Gewohnheiten formen unser Schicksal.
Wer das nicht versteht, bleibt in der Falle sitzen.
Man muss den Rhythmus brechen.
Man muss neue Furchen graben.
Das erfordert massive Energie.
Aber genau das ist der Weg zur Freiheit.
Es ist ein Kampf gegen die eigene Trägheit.
Ein Kampf gegen die Bequemlichkeit.
Kritik am konstruktiven Skeptizismus
Ich habe gesagt, ich fand es nur „so lala“.
Warum?
Weil es sich oft im Kreis dreht.
Die Dialoge wiederholen sich ständig.
Der Teufel gibt immer die gleichen Antworten auf leicht variierte Fragen.
Man hätte den Inhalt locker auf 50 Seiten zusammenstreichen können.
Es wirkt künstlich aufgeblasen.
Außerdem ist der Tonfall oft herablassend.
Wer nicht zum elitären Kreis der „Nicht-Dahintreiber“ gehört, wird als wertloses Vieh dargestellt.
Das ist mir zu arrogant.
Es fehlt die Empathie für die menschliche Schwäche.
Es ist leicht, aus gehobener Stellung über die Massen zu urteilen.
Aber das Leben ist komplexer als ein einfaches Verhör.
Es gibt äußere Umstände, die einen am Dahintreiben hindern oder es begünstigen.
Das wird hier fast komplett ignoriert.
Alles ist nur eine Frage des Willens.
Das ist mir zu simpel.
In Die grösste Revolution aller Zeiten haben wir gesehen, wie sehr das Geldsystem uns fesselt.
Dort wird aufgezeigt, dass man auch die äußeren Spielregeln verstehen muss.
Nur mit „positivem Denken“ kommst du gegen eine massive Inflation nicht an.
Hier bei Hill fehlt mir dieser Realitätsbezug.
Es ist alles sehr ätherisch.
Sehr im Kopf.
Das ist okay für die mentale Einstellung.
Aber es ist keine vollständige Überlebensstrategie für das 21. Jahrhundert.
Die Rolle der Angst
Angst ist das Werkzeug des Teufels.
Er nutzt sie, um das Denken zu lähmen.
Angst vor
- Armut
- Kritik
- Krankheit
- dem Tod.
Das Buch analysiert diese Ängste sehr treffend.
Es zeigt, wie sie uns dazu bringen, unvernünftige Entscheidungen zu treffen.
Oder gar keine Entscheidungen.
Wer Angst hat, ist manipulierbar.
Er ist ein leichtes Opfer für Demagogen und Verkäufer von falschen Versprechen.
Sich von der Angst zu befreien, ist die wichtigste Aufgabe des Menschen.
Aber Hill schlägt hier einen Weg vor, der fast schon zur Unterdrückung von Emotionen führt.
Angst wird als rein feindliches Element gesehen.
Dabei ist Angst auch ein Warnsignal.
Sie hat eine Funktion.
Sie komplett auszumerzen, wäre dumm.
Man muss lernen, mit ihr zu tanzen, nicht sie zu töten.
Das Buch ist hier zu radikal.
Zu kriegerisch.
Das Fazit eines Skeptikers
Ist das Buch nun Schrott?
Nö.
Es hat Momente der Klarheit.
Manche Sätze treffen dich wie ein Roundhouse Kick.
Man fängt an, über seine eigenen Ausreden nachzudenken.
Man fragt sich: „Wo treibe ich eigentlich gerade dahin?“
Das ist wertvoll.
Aber man muss viel Ballast über Bord werfen.
Man muss den Kitsch und die veraltete Moral herausfiltern.
Es ist ein Buch für Leute, die gerne zwischen den Zeilen lesen.
Man darf nicht alles wörtlich nehmen.
Man muss es in die heutige Zeit übersetzen.
Wenn man das tut, bleibt eine solide Erkenntnis übrig: Dein größter Feind sitzt zwischen deinen Ohren.
Und dieser Feind liebt es, wenn du es dir gemütlich machst.
Er liebt deine Komfortzone.
Dort füttert er dich mit Zweifeln und Trägheit.
Bis du dich nicht mehr bewegen kannst.
Warum „so lala“ am Ende doch ehrlich ist
Vielleicht hatte die Familie recht, es so lange unter Verschluss zu halten.
Nicht, weil es zu gefährlich war.
Sondern weil es unfertig wirkt.
Es ist ein interessantes Experiment.
Aber es ist kein Meisterwerk wie sein Vorgänger „Denke nach und werde reich“.
Dort war der Fokus klarer.
Hier verliert er sich in philosophischen Spielereien.
Es ist wie ein Song, der ein cooles Riff hat, aber keinen richtigen Refrain.
Man hört ihn mal an, aber er landet nicht in der Dauerschleife.
Ich bereue es nicht, es gelesen zu haben.
Es hat mich dazu gebracht, meine eigene Disziplin zu hinterfragen.
Aber ich werde es kein zweites Mal lesen.
Dafür ist meine Zeit zu kostbar.
Und Zeit ist, wie wir wissen, das Einzige, was wir wirklich besitzen.
Wir sollten sie nicht damit verschwenden, uns von veralteten Texten die Welt erklären zu lassen.
Nimm dir die Rosinen raus.
Wirf den Rest weg.
Das ist Essentialismus in der Praxis.
Mein Rat an dich
Wenn du es lesen willst, tu es mit einer ordentlichen Portion Sarkasmus.
Lach über die verklemmten Stellen.
Aber horch auf, wenn es um das „Dahintreiben“ geht.
Das ist irgendwie dann der echte Teufel.
Und er lauert überall.
Sogar in einem Buch über den Erfolg.
Denk einfach selbst.
Und vor allem: Hör auf zu treiben.
Sonst landest du genau dort, wo die 98 Prozent sind.
Und glaub mir, dort ist es verdammt voll.
Und verdammt langweilig.
Ich ziehe es vor, zu den restlichen 2 Prozent zu gehören.
Auch wenn der Weg dort steinig ist.
Und einsam.
Aber die Aussicht ist besser.
Viel besser.
In diesem Sinne: Viel Spaß beim Verhör deiner eigenen Dämonen.
Aber lass dich nicht von ihnen einlullen.
Schon gar nicht von Napoleon Hill.
–
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