Ich kann das: Wenn der Money-Coach plötzlich den Seelenklempner spielt
Sind wir mal ehrlich: Wenn man den Namen Bodo Schäfer hört, denkt man automatisch an weiße Anzüge, goldene Uhren und den etwas zu glatten Slogan „In 7 Jahren zur ersten Million“. Man denkt an Zinseszins, ETFs und finanzielle Freiheit. Man denkt an den klassischen, deutschen Erfolgs-Guru, der einem mit dem Zeigefinger erklärt, dass man einfach nur härter arbeiten muss, um reich zu werden.
Und dann liegt dieses Buch hier vor mir: Ich kann das. von Bodo Schäfer*
Kein „Weg zur finanziellen Freiheit“. Kein „Die Gesetze der Gewinner“. Nein, ein Buch mit einem Titel, der klingt, als hätte ihn ein übermotivierter Grundschullehrer an die Tafel geschrieben, um die Klasse vor dem Völkerball-Turnier zu motivieren. „Ich kann das.“ Drei Worte, ein Satz, Punkt dahinter.
Ich gebe zu, meine Skepsis war groß. Riesengroß. Ich habe das Buch auf meinen Kindle geladen (wie ihr auf dem Bild seht, stilecht vor der Raufasertapete des Alltags fotografiert) und dachte mir: „Okay Bodo, was kommt jetzt? Sagst du mir jetzt, dass ich mich nur vor den Spiegel stellen und ‚Tschakka‘ brüllen muss, und dann regnet es Geld und Glück?“
Aber – und das muss ich zähneknirschend zugeben, auch wenn es meinem zynischen Ich widerstrebt – das Buch ist anders. Es ist, und das mag jetzt überraschen, vielleicht sogar sein wichtigstes Buch. Warum? Weil all die Finanztipps, über die wir hier auf dem Blog oft sprechen, absolut wertlos sind, wenn das Fundament im Kopf aus Wackelpudding besteht.
Wer Angst hat, Entscheidungen zu treffen, investiert nicht. Wer glaubt, er sei nichts wert, verhandelt kein Gehalt. Wer denkt „Das kann ich eh nicht“, der fängt gar nicht erst an.
Deshalb habe ich mich durch die Seiten gequält (und manchmal auch gefreut), um für euch herauszufinden: Ist das hier nur esoterischer Kitsch in Romanform, oder steckt da wirklich Substanz drin, die wir für unser Leben brauchen?
Die Story: Karl, der Lappen, in dem wir uns alle wiederfinden
Bodo Schäfer hat sich entschieden, dieses Thema nicht als staubiges Sachbuch abzuhandeln, sondern als Geschichte. Er nennt es eine „Parabel“. Ich nenne es: Die Leidensgeschichte von Karlchen.
Karl ist ein Typ, bei dem man beim Lesen abwechselnd Mitleid haben und ihn schütteln möchte. Karl ist Mitte zwanzig, studiert Jura (weil sein Vater das will, natürlich), ist unglücklich, pleite und hat das Selbstvertrauen eines nassen Toastbrots. Karl ist das personifizierte Opfer. Er traut sich nicht, die Frau anzusprechen, die er mag. Er traut sich nicht, das Studium abzubrechen, das er hasst. Er ist gefangen in einem Leben, das er nicht gewählt hat.
Das Perfide daran: So sehr man über Karls Wehleidigkeit die Augen rollen möchte – und glaubt mir, ich habe viel gerollt –, so oft ertappt man sich dabei, wie man denkt: „Verdammt. Den Gedanken kenne ich.“
Wir sind vielleicht keine Karls in dieser extremen Form. Wir haben Jobs, wir haben unser Leben halbwegs im Griff. Aber wie oft sagen wir „Ja“ zu Dingen, die wir nicht wollen, nur um niemanden zu enttäuschen? Wie oft schieben wir wichtige Projekte auf, nicht weil wir faul sind, sondern weil wir Schiss haben, zu versagen?
Schäfer schickt diesen Karl auf eine Reise. Er trifft – wie sollte es in so einer Geschichte anders sein – einen weisen Mentor. In diesem Fall ist es Marc, ein erfolgreicher, aber geheimnisvoller Typ, der Karl unter seine Fittiche nimmt. Ja, das klingt nach Karate Kid für BWL-Studenten. Ja, es ist voller Klischees. Der alte Weise, der verwirrte Schüler, die Lektionen des Lebens.
Aber wenn man den Kitsch mal beiseite schiebt und den Zynismus kurz ausschaltet, dann sind die Lektionen, die Karl lernt, verdammt scharf.
Selbstvertrauen vs. Selbstbewusstsein: Eine wichtige Unterscheidung
Eine der ersten Ohrfeigen, die das Buch verteilt, ist die Begriffsklärung. Wir werfen im Alltag alles in einen Topf: Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Selbstwert. Klingt alles gleich, ist aber völlig unterschiedlich.
Schäfer (bzw. der Mentor Marc) dröselt das auf:
- Selbstbewusstsein: Das heißt erst mal nur, dass du dir deiner selbst bewusst bist. Du weißt, wer du bist. Das kann auch heißen: „Ich bin mir bewusst, dass ich gerade ziemlichen Mist baue.“ Das ist der erste Schritt, aber noch keine Lösung.
- Selbstvertrauen: Das ist der Glaube an die eigenen Fähigkeiten. „Ich traue mir zu, dieses Problem zu lösen.“ Das ist das, was wir im Job brauchen.
- Selbstwert: Das ist der Kern. „Ich bin wertvoll, egal was ich leiste.“
Und hier liegt der Hund begraben. Die meisten von uns (mich eingeschlossen) versuchen, ihren Selbstwert über Leistung zu definieren. Wir denken: „Wenn ich die Gehaltserhöhung kriege, bin ich wer.“ Oder: „Wenn ich 10 Kilo abnehme, bin ich wertvoll.“ Oder noch besser: „Wenn ich dieses fette Auto fahre, dann respektieren mich die Leute.“
Das Buch zeigt auf eine fast schon schmerzhafte Weise, dass das ein Fass ohne Boden ist. Wenn dein Selbstwert an äußeren Erfolgen hängt, bist du immer nur einen Misserfolg vom totalen emotionalen Crash entfernt. Echter Selbstwert muss von innen kommen. Ja, das klingt wie ein Kalenderspruch, den Tante Erna auf Facebook postet. Aber Bodo Schäfer schafft es, diesen Spruch so zu verpacken, dass man ihn nicht nur liest, sondern fühlt.
Die Sache mit dem Erfolgsjournal (Ja, es nervt, aber es wirkt)
Wer Bodo Schäfer kennt, kennt das „Erfolgsjournal“. Es ist sein Hammer, und jedes Problem ist ein Nagel. Natürlich taucht es auch hier auf. Karl bekommt die Aufgabe, jeden Tag fünf Dinge aufzuschreiben, die er gut gemacht hat.
Mein erster Gedanke: „Nicht schon wieder.“ Mein zweiter Gedanke: „Muss ich da jetzt reinschreiben, dass ich es geschafft habe, unfallfrei Käffchen zu kochen?“
Es wirkt albern. Wir sind erwachsene Menschen, wir führen Unternehmen, wir managen Familien, wir jonglieren mit Aktien. Und jetzt sollen wir uns hinsetzen und wie ein Erstklässler in ein Heftchen schreiben: „Heute habe ich pünktlich Feierabend gemacht. Sternchen für mich!“?
Die Ironie ist: Genau deshalb haben wir so wenig Selbstvertrauen. Unser Gehirn ist ein Penner!. Es ist evolutionär darauf programmiert, Fehler zu suchen. Das Säbelzahntiger-Prinzip. Wir merken uns jeden Patzer, jede peinliche Situation, jede Kritik vom Chef. Das speichern wir in 4K-Auflösung und Dolby Surround ab. Unsere Erfolge? Die haken wir ab als „War ja selbstverständlich“ und vergessen sie nach zwei Minuten.
Das Erfolgsjournal ist keine Esoterik. Es ist eine Neuprogrammierung der Festplatte. Es zwingt den Fokus auf das Positive. Und so sehr ich mich dagegen sträube, so sehr ich es hasse, abends noch den Stift in die Hand zu nehmen: Es funktioniert. Es ist erschreckend, wie sehr sich die Wahrnehmung ändert, wenn man sich zwingt, das Gute zu sehen. Man geht anders durch den Tag. Man sucht förmlich nach Dingen, die man aufschreiben kann. Man wird zum Jäger des eigenen Erfolgs.
Der Umgang mit der Angst (oder: Das Monster unterm Bett)
Ein weiterer Punkt, den ich spannend fand, ist der Umgang mit Angst. In Shaolin Spirit* (hier kommst du zu meiner Interpretation), das ich ja vor einiger Zeit hier besprochen habe, ging es viel um die innere Ruhe und die Akzeptanz. Schäfer wählt einen etwas anderen, westlicheren Ansatz, der aber gut dazu passt.
Er sagt nicht: „Hab keine Angst.“ Das wäre auch Quatsch. Angst ist ein biologischer Reflex. Er sagt: „Mach es trotz der Angst.“
Die Metapher im Buch ist simpel: Die Angst ist ein Monster, das wächst, wenn man wegrennt, und schrumpft, wenn man darauf zugeht. Nichts Neues, schon klar. Aber Schäfer verknüpft das mit der Entscheidungsfindung.
Karl (unser jammernder Held) lernt, dass jede nicht getroffene Entscheidung Kraft kostet. Wir denken oft, „keine Entscheidung“ sei der sichere Weg. Wir warten ab. Wir sitzen Probleme aus. Schäfer zeigt: Das ist der teuerste Weg von allen. Es ist der Weg, der das Selbstvertrauen auffrisst. Jedes Mal, wenn wir uns vor einer Entscheidung drücken, signalisieren wir uns selbst: „Ich traue mir das nicht zu.“ Wir züchten unser eigenes Unvermögen.
Das erinnert mich übrigens stark an die Prinzipien aus Das Brian Tracy Maximum Prinzip* (hier kommst du zu meiner Interpretation). Dort ging es darum, die eine wichtige Sache zu tun und alles andere zu eliminieren. Schäfer liefert hier quasi den psychologischen Unterbau dazu: Du kannst die Prinzipien von Tracy nur anwenden, wenn du das Selbstvertrauen hast, „Nein“ zu sagen und Entscheidungen zu treffen. Ohne „Ich kann das“ gibt es kein „Maximum Prinzip“.
Kritik? Aber hallo!
Ich habe gesagt, ich bleibe auf dem Teppich. Also, lassen wir die Lobhudelei mal kurz und schauen uns die Schattenseiten an. Denn natürlich ist „Ich kann das“ nicht perfekt.
- Der Kitsch-Faktor: Die Rahmenhandlung ist stellenweise so zuckersüß, dass man Karies bekommt. Karls Wandlung vom Jammerlappen zum Helden geht – natürlich – viel zu glatt. Im echten Leben ist Persönlichkeitsentwicklung kein linearer Prozess, bei dem man Kapitel für Kapitel weiser wird. Im echten Leben ist es ein dreckiger Kampf, zwei Schritte vor, einen zurück, und manchmal fällt man einfach nur auf die Fresse. Das Buch blendet die Rückschläge ein bisschen zu sehr aus.
- Die „Bodo-Show“: Manchmal kann Schäfer nicht aus seiner Haut. Der Mentor Marc wirkt oft wie eine idealisierte Version von Schäfer selbst. Er hat immer die perfekte Antwort, er ist immer souverän, er ist immer reich und weise. Das wirkt stellenweise etwas arrogant. Ein Mentor, der auch mal zugibt, dass er selbst keine Ahnung hat, wäre sympathischer gewesen.
- Die Vereinfachung: Psychologische Probleme sind komplex. Ein „Erfolgsjournal“ heilt keine Depression. Ein mutiger Schritt löst nicht jedes Trauma. Das Buch suggeriert manchmal, dass alles „ganz einfach“ ist, wenn man nur die drei richtigen Fragen stellt. Das ist gefährlich, wenn man es zu wörtlich nimmt. Es ist ein Motivationsbuch, kein Therapieersatz.
Mein Fazit: Warum ich es trotzdem empfehle (und behalte)
Warum steht das Buch trotzdem hier auf dem Blog? Warum habe ich es nicht nach 50 Seiten genervt gelöscht?
Weil es, trotz aller Ironie und Kritik, einen wunden Punkt trifft. Wir leben in einer Welt, die uns ständig sagt, wir seien nicht genug. Social Media zeigt uns nur die Highlights der anderen. Die Nachrichten machen uns Angst. Der Druck im Job steigt.
In diesem Lärm ist „Ich kann das“ eine leise, aber eindringliche Stimme, die sagt: „Doch, du bist genug. Aber du musst auch was dafür tun.“
Es ist kein Buch für Finanz-Profis, die den nächsten Aktien-Tipp suchen. Es ist ein Buch für den Menschen hinter dem Depot. Denn was nützt dir das beste Portfolio, wenn du nachts wach liegst und dich fragst, ob du dein Leben in den Sand setzt? Was nützt dir die Strategie für die Selbstständigkeit, wenn du dich nicht traust, den ersten Kunden anzurufen?
Ich nehme aus dem Buch mit, dass Selbstvertrauen kein Geschenk ist. Es ist ein Muskel. Man muss ihn trainieren. Jeden Tag. Mit kleinen Dingen. Mit dem nervigen Erfolgsjournal. Mit dem bewussten Stellen von Fragen.
Ist das Buch hohe Literatur? Um Himmels willen, nein. Ist es stellenweise peinlich kitschig? Absolut. Aber hat es mich dazu gebracht, über meine eigene Haltung, meine Ängste und meinen Selbstwert nachzudenken? Ja, verdammt noch mal.
Und wenn ein Buch das schafft – selbst wenn es dabei ein paar Klischees bedient –, dann hat es seine Daseinsberechtigung. Vielleicht brauchen wir manchmal genau diesen einfachen, emotionalen Tritt in den Hintern, statt der nächsten komplexen wissenschaftlichen Abhandlung.
Also: Lest es. Lacht über die kitschigen Stellen. Verdreht die Augen über Karl. Aber macht die Übungen. Schreibt das Journal. Denn am Ende des Tages ist die einzige Person, die dein Leben ändern kann, diejenige, die dich morgens im Spiegel ansieht. Und es hilft ungemein, wenn diese Person sagt: „Ich kann das.“
In diesem Sinne: Viel Erfolg beim Trainieren des Selbstvertrauens-Muskels. Und vergesst nicht, auch die kleinen Siege zu feiern (selbst wenn es nur das unfallfreie Kaffeekochen ist).
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